Wissen ist keine Kompetenz – Gespräch mit Rolf Arnold und John Erpenbeck

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Wissen ist keine Kompetenz

Ein wirklich sehr interessantes und kurzweiliges Interview mit den beiden Autoren des Buches “Wissen ist keine Kompetenz” Rolf Arnold und John Erpenbeck, erschienen im Verlag Schneider Hohengehren. Moderator: Werner Sauter

Dass Wissen keine Kompetenz ist und eine reine Vermittlung von Inhalten den zukünftigen Anforderungen der Berufswelt nicht gerecht werden, das ist nicht neu, aber auch nur eine der Feststellungen, die von den beiden genannt werden.
Ihnen gelingt es, Befunde aus der Wissenschaft darzustellen, die an  eigenen Beobachtungen aus dem Schulalltag anknüpfen.

Um nur 5 zu nennen:

  1. Arnold zitiert eine Studie von Spitzer, demnach das Gehirn von Schülern während des institutionalisierten Lernens zwischen 8:00 und 13:00 Uhr in einen “Sleep-Modus” schalte. Gleich muss ich an die Gesichter denken, die mich mit leerem Blick anstarren, wenn ich mich zu einem Lehrervortrag verleiten lasse um dem gefühlten Lernzuwachs gerecht zu werden.
    Am Nachmittag, wenn im Leben gelernt wird, schalte es sich wieder an. Absurd!
  2. Lernen kann nur auf dem individuellen Vorwissen aufbauen oder, wie Arnold es ausdrückt: der Erfolg des Lernens hängt zu 98% von dem Vorwissen ab.
  3. Lernprozesse ließen sich nicht antizipieren. Arnold nennt es sogar “anmaßend” einen Lernprozess vorzustrukturieren – leidliche Erinnerungen an das Schreiben von “Handlungsentwürfen” für Unterrichtsbesuche während des Referendariats kommen auf.
  4. Kompetenzorientierter Unterricht verbleibe in Schulen immer im Status des Experiments während die “normale” wissensvermittelnde Schule immer dominiere. Das liege nicht daran, dass es die bessere Pädagogik sei, sondern die kontrollierbarere – sichtbar in detaillierten Klassenbucheinträgen. Das wird mir ab sofort das schlechte Gewissen nehmen, wenn ich wieder einmal “Freiarbeit” ins Klassenbuch schreibe. Trost wird es leider nicht stiften, wenn ich mal wieder das Gefühl habe meine Schüler mehr zu verwalten, als sie auf ihrem Lernweg zu begleiten.
  5. Schließlich noch ein weiterer beachtlicher Befund aus der Schweiz. Wegen  finanzieller Engpässe kam es dazu, dass eine Schule in Zürich einen Teil Ihrer Schüler nur ein halbes Jahr lang unterrichtete. Am Ende des Schuljahres fand eine Prüfung statt, die beide Gruppen ablegen mussten. Nun stellte sich die Frage, welche Schüler erfolgreicher abschneiden. Ergebnis war, dass beide fachlich gleich waren. Die Schüler ohne Unterricht hingegen hatten gelernt, sich zu vernetzen und selbstgesteuert zu handeln. Auch das schließt an einer eigenen Beobachtung an.
    Wenn es bei uns an der Schule zur Abschlussprüfung kommt, kann man Ähnliches beobachten. Im 3. Ausbildungsjahr mischen sich die Klassen nach Fachrichtungen neu. Werden nun nach 3 Jahren Ausbildung Prüfungsthemen bekannt gegeben, ist die erste Reaktion von allen: “das haben wir nie gemacht!”. Das stimmt meistens auch für einen großen Teil der Themen und häufig haben genau die Schüler weniger Themen “behandelt”, bei denen das selbstständige Lernen im Zentrum des Unterrichts stand. Hier lässt sich immer wieder beobachten, wer gelernt hat zu lernen und in unerwarteten Situationen handlungsfähig ist. Während die einen sich panisch und hilfesuchend an die Lehrer wenden, machen die anderen sich selbstständig auf den Weg und bitten darum, ihnen Bücher zu besorgen.
    Ohne eine Statistik vorlegen zu können, war bisher nicht zu beobachten, dass eine Gruppe in der Prüfung besser oder schlechter abschneidet.

Schade ist, dass das Interview an einer Stelle geschnitten wurde. Da ging es um die Chancen der Mediennutzung für den Kompetenzerwerb, was sicherlich ebenfalls interessant gewesen wäre.

Und was lässt sich aus dem Video für den kleinen Ernst mitnehmen? Zunächst einmal die Bestätigung, dass Unterricht dringend neu gedacht werden muss! Insbesondere interessant ist aber ihr Plädoyer dafür, dass Lernen am Anwendungsort stattfinden sollte. Das klingt im ersten Moment nach einem Ende für Schule in der beruflichen Bildung. Das historisch gewachsene duale System hat damit ausgedient, wir lernen nur noch “on the job”? Vielleicht muss die Schule als Institution aber auch nicht gleich abgeschafft werden. Vielleicht müssen die Anwendungen, also die Problemstellungen, die in der Schule stattfinden,  verändert werden. Also entweder die Aufgabe betrifft die Schule unmittelbar oder aber es werden reale Projekte z.B. in einer Schülerfirma bearbeitet. Eine Simulation scheint jedenfalls keine gute Lösung zu sein.

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